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FraktionFraktion im Stadtrat Dessau-Roßlau

Es war einmal:
Radlerstadt Dessau

Radlerstadt Dessau-Roßlau?

19.11.2010 Früher wurde Dessau die Radfahrerstadt der DDR genannt. Nach 20 Jahren ist das ganz anders, wer hier heute Rad fährt, meint sich weit weg an einem anderen Ort. Liegt das nur daran, dass sich der Motorisierungsgrad erheblich erhöht hat, weil die Bürger zu bequem geworden sind, oder gibt es hausgemachte Gründe bei der Stadtplanung und Prioritätensetzung?

Die Bedingungen unter denen PKW oder Rad gefahren wird, haben sich geändert.

In den letzten 20 Jahren sind viele Straßen in unserer Stadt teilweise mehrfach hergerichtet worden, wie kürzlich die Askanische Straße an der Georgenkirche – andere sehen noch so aus wie in der DDR. Es gibt auch neue Radwege, vor allem an neu ausgebauten oder grundsanierten Durchgangsstraßen. Entlang der Umgehungsstraßen werden die breiten Radwege allerdings weniger genutzt. In der Innenstadt dagegen gibt es neben der löblichen Querung des Stadtparks viel zu wenig vernünftige Radführungen. Jede Radfahrerin kennt die überhohen Auffahrtkanten, das ewige Auf und Ab an den Grundstückseinfahrten und Kreuzungen. Da bleibt eine Menge zu tun.

Der Motorisierte Individualverkehr (MIV) hat die Oberhand über Fußgänger, Radler und Öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) bekommen!

Ein gutes Beispiel für die Problematik ist die Albrechtstraße. Sie wurde regelrecht kaputt gefahren. Jetzt soll aus Mitteln des Konjunkturpakets II als Lärmschutzmaßnahme eine Sanierung der Fahrbahnoberfläche erfolgen. Das ist richtig und sinnvoll. Für die Sanierung der vorhandenen straßenbegleitenden, extrem defekten Radwege dürfen die Fördermittel des Bundes allerdings nicht genutzt werden. Angesichts dieser Situation ist es absolut unverständlich, warum der Vorschlag der Bürgerinitiative „Dessau – Natürlich Mobil“ nicht aufgegriffen wurde, die Radstreifen auf der bisherigen Fahrbahn anzuordnen. Diese Herstellung neuer Radwege wäre förderfähig. Dazu wäre es nötig, stadtauswärts genau wie bereits stadteinwärts vorgesehen, die Fahrbahn auf eine Spur zu begrenzen. Dies würde gleichzeitig den Verkehrsfluss beruhigen, vor allem gefährliche Überholmanöver ausschließen, die erheblichen Lärm verursachen und unfallträchtig sind. Statt dessen wird die Stadt die Verkehrswege für den motorisierten Verkehr herrichten, Fuß- und Radwege bleiben liegen, andere Finanzquellen sollen gesucht werden. Ob und wann diese gefunden werden bleibt auf längere Sicht aber fraglich.

Jeder weiß wie die Radwege in seinem Umfeld aussehen. Wer weiß aber schon, was die bundesweiten Empfehlungen für Radverkehrsanlagen ERA und die Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen RASt06 (2006) empfehlen? Den dort angegebenen Breiten für Rad- und kombinierte Rad-/Fußwege entsprechen nicht einmal die gerade fertiggestellten Kombiwege zwischen Dessau und Roßlau! Dagegen waren für den überdimensionierten Ausbau zur vierstreifigen kreuzungsfreien Schnellstraße Wille, Geld und Mut zum Naturverbrauch vorhanden. Auch im Sanierungsgebiet Dessau-Nord sind auf vielen neuen Rad-/Fußwegen Gefahrensituationen vorprogrammiert. Die Wege sind zu eng, nicht deutlich voneinander abgegrenzt, Laternenmasten stören (z.B. Kurt-Weill-Straße). Der von der Rabe- in die Reinickestraße abbiegende Radverkehr wird erst unnötig um die große grüne Insel herum- und dann auf einen kombinierten Weg geführt, der durch die Lampen und Verkehrsschilder eingeengt wird.

Auch Radfahrer in Roßlau finden an vielen Stellen schadhafte Wege. Aber gerade in der Innenstadt wird der Radverkehr ganz selbstverständlich auf der Fahrbahn mitgeführt. Und in Dessau? Einige Unfälle mit Radlern ließen sich vermeiden, wenn die Radfahrer frühzeitig gesehen werden und an Kreuzungen den Abbiegeverkehr nicht unvermittelt kreuzen würden. Die guten Erfahrungen mit dem Radstreifen auf der Kavalierstraße zwischen Museum und Post zeigen, dass gegenseitig Rücksicht genommen wird, wo Rad- und KFZ-Spuren nebeneinander auf der Fahrbahn verlaufen. Probleme haben sich dort erst ergeben, nachdem die Radler jetzt den neu geschaffenen PKW-Stellplätzen auf den (bisherigen) Fußweg ausweichen müssen.

Selbst in der Fußgängerzone sind wir vor Kraftfahrzeugen nicht sicher. Die einzigen, die dort das vorgeschriebene Schritttempo einhalten, sind die Busse des öffentlichen Verkehrs! Das Bild und das Geschehen von heute bestimmen die PKW und LKW, selbst in der Innenstadt.

Die Einbindung interessierter und kompetenter Kreise (z.B. ADFC) war bei Planungen von Stadtstraßen und Radwegen bis vor wenigen Jahren eine gut etablierte Praxis. Die AG „Fahrradfreundliche Stadt“ führte durch frühzeitigen Austausch von Ideen zu guten Lösungen für alle Verkehrsteilnehmer. Eine solche Beteiligung findet jedoch in jüngster Zeit nur noch unzureichend statt. Die Fraktion Bürgerliste/Die Grünen fordert, dass die Einbindung des ADFC, der BI „Dessau – Natürlich Mobil“ und weiterer Akteure und Verkehrsteilnehmer wieder verstärkt verfolgt werden muss.

Stefan Giese-Rehm

Weitere Informationen auf buergerliste-gruene.de:

Hindernisse auf Rad/Fußweg
Hindernisse auf Rad/Fußweg