Atomkraft? Nein danke!
15.04.2011 Nicht erst seit dem GAU der Atomkraftwerke (AKW) in Japan wird in unserer Stadt überlegt, wie Energie – insbesondere Strom – nachhaltig und umweltverträglich produziert werden soll. Die Stadtwerke produzieren ihren Strom zusammen mit Fernwärme im Wesentlichen in zwei Block-Heizkraftwerken (BHKW). Dies ergibt einen hohen Nutzungsgrad der eingesetzten Energieträger, z.B. Gas oder Öl. Darüber hinaus haben Bürger und private Unternehmen verstreut über die ganze Stadt alternative Energiewerke installiert. Das sind ein Wasserkraftwerk an der Jonitzer Mühle (ein zweites am Hauptwehr der Mulde ist derzeit in der Planungsphase), 5 Windräder hinter Mosigkau mit immerhin 9.500 kW installierter Leistung und 186 Photovoltaik-Anlagen mit 3.174 kW Leistung, die Strom aus Sonne produzieren. Einschließlich der Deponiegas-Anlage, die in einem BHKW Strom und Wärme erzeugt, entfielen 2010 aber nur 14 % des von der DVV verkauften Stromes auf Erneuerbare Energien. Das ist deutlich weniger als die 16 % des Bundesdurchschnitts. Beim Anteil des Stromes aus AKW liegt Dessau mit knapp 11 % gegenüber bundesweiten 23 Prozent deutlich niedriger. Allerdings waren es auch schon einmal nur 4 %.
Der Aufwuchs des Atomstromanteils ab 2009 erklärt sich aus dem Zukauf von Strom an der Leipziger Strombörse. In den letzten Jahren haben sich die Stadtwerke bemüht, Preissteigerungen bei Gas und Öl über preiswerten Einkauf auszugleichen, was auch in gewissem Maße gelungen ist. Wenn dort Atomstrom schwerer verkäuflich ist, wird er billiger. Aber der Preis ist nur eine Komponente bei der Energieversorgung. Nach der Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke durch die Bundesregierung, die damit ohne Not den Konsens zwischen Bevölkerung, Politik und Stromriesen aufkündigte, steckt die Bundesregierung jetzt in einer Klemme. Das macht die Klage von RWE auf Schadensersatz deutlich. RWE argumentiert ganz offen mit dem Interesse der Kapitaleigner an Gewinnen, während sich die Regierung unter Druck der Bevölkerung sieht. Aktuell fordern über 60 % den Atomausstieg in Deutschland.
Wie sieht es in der Region aus? Stadtwerke setzen mehr und mehr auf atomfreien Strom. Jena verzichtet ab April komplett auf Atomstrom und ersetzt diesen durch regenerative Energien. Dabei bleiben die Preise stabil! Halle investiert in Kraft-Wärme-Kraftwerke und Solaranlagen sowie zwei Wasserkraftwerke, um 2012 etwa 94 % des Bedarfes aus eigenen Kraftwerken decken zu können. Wittenberg gewinnt ein Drittel des Stroms aus eigenen KWKs, die mit Bioerdgas betrieben werden. Leipzig betreibt nicht nur in der Lutherstadt Wittenberg ein Holzheizkraftwerk. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.
Und Dessau? Investitionen der DVV in erneuerbare Energien gibt es kaum, wenn wir vom BHKW auf dem Scherbelberg absehen. Um den Strom der Dessauer Stromversorgung GmbH (DSV) atomstromfrei anbieten zu können, wären zusätzliche Aufwendungen von 135 T€ im Jahr nötig. Das sei zu teuer, wird der Geschäftsführer Hans Tobler zitiert (Quelle: MZ vom 29.03.2011). Bei einem Gesamtaufwand von ca. 70 Mio € wären das aber nur 0,2 % zusätzlich. Umgelegt auf die Abnehmer bedeutete dies Mehrkosten im Jahr von rund 9,00 € für jeden der rund 15.000 Hausanschlüsse bzw. 2,76 € pro Zähler. Wir halten diesen Zusatzaufwand für die Stadtwerke als vertretbar. Immerhin bietet die DSV seit 1. April 2011 ein erweitertes Naturstromprodukt an, das rein aus norwegischer Wasserkraft stammt. Dieser Strom wird zu 23,40 ct/kWh angeboten. Das sind 0,96 ct/kWh mehr als der preiswerteste Kombitarif, aber 0,34 ct/kWh weniger als im Familientarif. Dieser Naturstrom ist auch preiswerter als der Basistarif (0,69 ct) und Garanttarif (1,04 ct) und hält einen guten Mittelplatz im Preisgefüge der DSV. Hier kann also jede und jeder selbst etwas zur Energiewende beitragen. Tun Sie das bei der DVV – es ist bezahlbar!
Wir fordern die DVV auf, sofort den Schritt zu einer atomstromfreien Versorgung der Dessau-Roßlauer Bevölkerung und Unternehmen zu gehen. Das heißt: kein Einkauf von Atomstrom die Stadtwerke müssen endlich die Eigenproduktion Erneuerbarer Energien ausbauen die neuen Angebote müssen offensiv beworben und vermarktet werden (Naturstrom ist erst auf unser Drängen hin überhaupt für Gewerbetreibende erhältlich) gemeinsam mit der Stadtverwaltung muss verstärkt in Energiesparmaßnahmen investiert werden.
Wir sind davon überzeugt, dass unsere Stadtwerke in der Lage sind, diesen Weg zu gehen, wenn die Kunden – wir Bürger – mitgehen. Das wird für uns vielleicht etwas teurer als einfach irgendwo im Internet Ökostrom zu kaufen. Andererseits leisten Stadtwerke vor Ort einen vielfältigen Einsatz für uns Bürger: beim ÖPNV, bei Kultur und Sport und nicht zuletzt als Arbeitgeber, Auftraggeber und Steuerzahler! Naturstrom-Stadtwerke – das sollten wir uns leisten!
Stefan Giese-Rehm